Beim Blick in die Zukunft vernebelt sich die Erinnerung an die Vergangenheit. Politisch-ökonomische Kuriositäten aus dem Kabinett des Juristen Schäuble

Wolfgang Schäuble, Zur Zukunft von Deutschland in der Europäischen Union, Nomos, Baden-Baden 2019.

Er lässt sich gerne als einen der „scharfsinnigsten Köpfe unserer Zeit“, so das Handelsblatt, feiern und „liest“, wie die Zeitung für Deutschland berichtet, „der Wirtschaft die Leviten“. Der ehemalige deutsch-europäische Finanzminister.

Scheiden Politiker aus ihrem aktiven Berufsleben aus, gelingt es manchen, aus der Distanz und der veränderten Perspektive, zu Einsichten über ihr Tun zu gelangen, die sich ihnen vorher verschlossen hatten. Helmut Schmid z.B. hatte sein europa- und frankreichfeindliches Agieren aus der Entstehungszeit des EWS später – jedenfalls indirekt – bereut. Er wurde auf seine alten Tage zu einem glühenden Anhänger der europäischen Einigung und scharfen Kritiker der deutschen Europapolitik unter Merkel.

Diese Chance hat Wolfgang Schäuble in seiner Rede („Leipziger Vorträge zu Recht und Politik“) verpasst. Er hätte als quasi-europäischer Finanzminister die Verantwortung für die gelähmte Fiskalpolitik und die verheerenden Wachstumsraten in der EU und der Eurozone übernehmen können. Die deutsche Austeritätspolitik seit 2010 schob nicht nur die gesamte Zuständigkeit für Wirtschaftspolitik auf die EZB, sondern führte auch in die Rezession der Jahre 2012/13 und das gebremste Wachstum im Durchschnitt des Konjunkturzyklus. Es dürfte, nachdem sich das Ende jetzt abzeichnet, bei knapp über 1 Prozent liegen. Wirtschaftsgeschichtlich wird das vergangene Jahrzehnt als verschenktes Jahrzehnt verbucht werden, mit nicht überwundener Massenarbeitslosigkeit, insb. bei den Jugendlichen, brachliegenden sozialen Möglichkeiten und verschenkten Innovationspotentialen. Dafür übernimmt der ehemalige Finanzminister keine Verantwortung in seiner Rede.

Unter maßgeblicher Teilnahme von Schäuble hat Deutschland im Gefolge der Finanzkrise (2008) und insbesondere der Ordnungskrise der europäischen Währungsunion (2010) für eine europawissenschaftliche Neuerung gesorgt: Man hat dem Begriff der „Haftung“ in den Rang einer, wenn nicht der europäischen Schlüsselkategorie verholfen. Haftung ist nicht mehr als monetarisierte Verantwortung, Verantwortung aus dem Himmel der Moral heruntergeholt in die schnöde Welt von Egoismus, Nationalismus und Versicherungswesen. Dass man die Südeuropäer für etwas haften ließ, das erstens nicht sie allein zu verantworten hatten und das zweitens einen erheblichen Nutzen für das eigene deutsche Land brachte, war schon ein ökonomisch-politisches Meisterstück. Jetzt aber, am Ende des langen Zyklus, stellt sich die Frage, wer die Verantwortung, vulgo Haftung für die vergangenen zehn Jahre europäischer Wirtschaftspolitik übernimmt. Dass in den zehn Jahren in Europa deutsche Wirtschaftspolitik betrieben wurde, hatte man sich doch immer gerne angehört. Jetzt auch noch im Rückblick?

 WachstumEUEurozone2008-2018

Zu diesem Thema äußert sich Schäuble in seiner Rede also nicht. Stattdessen trägt er in einem beflissen strukturierten Text (Einleitung, Hauptteil, Schluss plus Fußnoten mit „ausgewogener“ Literatur) einige politisch-ökonomische Kuriositäten zusammen, die die Zuhörerschaft sicher ein ums andere Mal in Erstaunen versetzt haben.

Die Kritiker der EZB-Politik vergäßen, so beginnt Schäuble, „dass in der Staatsschuldenkrise Europas fiskalisches Krisenmanagement dringend erforderlich war, aber unterblieb. Die Regierungen zeigten sich zu lange zögerlich bis inaktiv. Sie machten ihre finanzpolitischen Hausaufgaben nicht, sodass der EZB gar nichts anderes übrig blieb, als einzuspringen, um einen wirtschaftlichen Kollaps der Euro-Zone zu vermeiden“ (S. 17). In Sachen Demagogie war der ehemalige Finanzminister schon immer ein Meister. Die EZB trug mit ihrer Zinspolitik auch schon Schuld am Aufstieg der Neonationalisten, ließ er einst wissen. Wie es gerade passt, die Karten legen sich schon zurecht. So, als sei es nicht Deutschland gewesen, das mit Schuldenbremse, Schwarzer Null und Schwäbischer Hausfrau für die Eliminierung der Fiskalpolitik aus der nationalen und europäischen Wirtschaftspolitik gesorgt hat. Das Geheimnis: Mit den nicht erledigten „finanzpolitischen Hausaufgaben“ meint er nicht aktive Ausgabenpolitik, sondern schlaue Wachstumspolitik durch Einsparungen, sozusagen Wachstum aus dem Nichts.

Mehr als wohlfeil ist auch Schäubles Forderung nach der Vollendung der Bankenunion in Europa, hat er doch während seiner Amtszeit an vorderster Front dazu beigetragen, die Bankenunion als Abwehr gegen die nächsten Stürme einer Finanzkrise zu verhindern. Am Anfang stand das Verweigerungsbündnis Merkel-Steinbrück, die im Oktober 2008 den Schritt in die Bankenunion in Gestalt einer gemeinsamen Rettungsaktion der wankenden Banken in Europa verhindert haben. Im Juni 2012, auf dem Höhepunkt der europäischen Ordnungskrise, wurde Merkel dann von einem französisch-italienisch-spanischen Bündnis im Europäischen Rat überrumpelt und der Einstieg in die Bankenunion war grundsätzlich eröffnet. Der Finanzminister spielte danach im Ministerrat die Rolle des Ausputzers: verhindern, wo verhindern geht.

Schäuble vergisst in seiner Rede einfach zu sagen, dass die gemeinsame Einlagensicherung mehrfach an Deutschland gescheitert ist, speziell an ihm (S. 18). Sein Nachfolger Scholz steht ihm diesbezüglich in nichts nach. Die gemeinsame Einlagensicherung (EDIS = European Deposit Insurance System) wird, da die Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken im Nacken sitzen, weiter blockiert. Sie, die EDIS, ist wichtig, nicht weil es darum geht, „deutsche Sparer“ für die Fehler liederlicher italienischer Banken bluten zu lassen, sondern weil sie verhindern kann, dass in kritischen Situationen Kapitalflucht aus bedrohten Ländern – in einer Währungsunion eigentlich ein Unding – verhindert werden kann.

Mit Blick auf das europäische Erzübel, die Staatsverschuldung, plädiert Schäuble, ganz getreu seiner Politik als Finanzminister für mehr Markt und weniger Staat. Den „Sündern“ in Südeuropa soll nicht mit Brückenkrediten aus dem Europäischen Stabilisierungsfonds (ESM) aus der Patsche geholfen werden, nein, man solle erstens mehr staatliche Insolvenzerklärungen durchführen – nichts gelernt aus dem Spaziergang von Deauville oder vielleicht gerade das Passende? – und zweitens kräftige Risikoaufschläge für Kredite oberhalb der Verschuldungskriterien verlangen. Der Jurist hält die Verschuldungskriterien, das ist bekannt, für naturgesetzliche Größen, eine Art Urmeter der Finanzwissenschaft.

Einen ganz seltenen Vogel schießt Schäuble mit seinen Einlassungen zu den Target-2-Konten ab. In der verworrenen Diskussion zu diesem Thema hat er unter Berufung auf einen Artikel in der Zeitung für Deutschland aus dem vergangenen Jahr die allgemeine Wirrnis um die allerletzt Schleife erweitert. Des Autors Idee, der sich Schäuble anschließt: Aus den Target-2-Salden der Bundesbank wird Geld gemacht und in einen „Europäische Solidaritäts-Fonds“ übergeführt, mit dem dann Investitionen in Südeuropa getätigt werden können. Diese Idee kann man gar nicht genug ausschmücken, handelt es sich doch um eine multiple Win-win-Situation: Sie kostet den Steuerzahler in Deutschland nichts, die Investitionsschwäche in Europa wird überwunden, und man hat ein monetäres perpetuum mobile gefunden.

Schon wer versucht die Target-2-Salden zu einem ernsthaften, diskussionswürdigen Thema zu stilisieren, setzt sich dem Verdacht aus, auf eine Einladung der Bundestagsfraktion der AfD für eine Fortbildungsveranstaltung zu spekulieren. Buchungsposten stellen keine Probleme dar, sie sind nur Buchungsposten. Das Interesse an dieser Diskussion speist sich einzig und allein aus dem herbeigesehnten Untergangsszenario einer sich auflösenden europäischen Währungsunion. Die Target-Salden üben als solche auch keine irgendwie geartete ökonomische Dynamik aus, etwa dass sie einen Druck auf irgendetwas bewirken oder dass das Überschreiten einer Grenze zu einer irgendwie gearteten Katstrophe führt.

Wer aber daran glaubt, dass es sich bei dem bei der Bundesbank angehäuften Traget-2-Konto 1.) um eine reale Größe, 2.) um eine operationalisierbare Größe handelt, macht sich zum Hofnarr und vollzieht den allerletzten Schritt in die Voodoo-Ökonomie. Es wäre ja nichts dagegen einzuwenden, käme die Bundesbank in einem Anflug europäischer Solidarität auf die Idee und schaffte mit dem bei ihr liegenden Konto „aus dem Nichts“ einen Kredit für Investitionen in Griechenland und Süditalien. Auch die MMT-Vertreter (Modern Monetary Theory) sehen ja keine ökonomischen Beschränkungen für staatliche Investitionstätigkeit. Wer aber noch über Reste eines Verständnisses von realen wirtschaftlichen Größen verfügt, wird diesen Schaffensprozessen aus dem Nichts eher skeptisch gegenüberstehen. Dass sich ein Jurist auf solche gedankliche Abenteuerchen einlässt, ist eher ungewöhnlich.

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Was enthält die Rede des „scharfsinnigen Kopfs“ jenseits dieser politisch-ökonomischen Kuriositäten sonst noch an europapolitischen Grundsatzgedanken?

Das Übliche, könnte man sagen, das Übliche der aktuellen konservativen Europapolitik. Da, wo es sich bequem auf dem Trittbrett fahren lässt, in der Verteidigungspolitik, fordert Schäuble mehr, viel mehr Europa, nämlich die Europäische Armee. Da, wo es um Moral geht, auf dem Gebiet der Migrationspolitik, fordert er – nicht die europäische Verteilung der Flüchtlinge, sondern ganz dem monetären Grundgedanken seines Denkens folgend – das Anreizsystem der Kürzung der Sozialleistungen für Migranten, um abzuschrecken.

Ansonsten entwickelt er noch einen höchst speziellen Gedanken zur Integrationsmethode. Dass Europa nicht vorankommt – und es soll ja nach Schäuble in den Bereichen Äußere Sicherheit, Migration, Ökonomie vorankommen („mehr Europa“, S. 12) –, rechnet er doch tatsächlich, man glaubt es kaum, dem Lissabon-Vertrag zu, der wenig Spielräume für Vertiefung zulasse. Er verkauft sein Publikum für dumm und verschweigt ihm, dass es Deutschland bzw. in vielen Dingen auch er selbst höchstpersönlich als Finanzminister es war, welche die Vertiefung intergouvernemental verzögert, blockiert und verhindert haben.

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Dankenswerter Weise veröffentlicht der Nomos-Verlag in dem Bändchen noch einmal das berühmte Schäuble-Lamers-Papier aus dem Jahr 1994. Damit hat man dann die europapolitischen Grundsatzäußerungen Schäubles schon komplett zusammen.

Er hätte sich auch hier ehrlich machen können, der „scharfsinnige Kopf“. Er hat es immer gerne gehört, dass er in dem Papier mit seinem Kollegen etwas Originelles zur Integrationstheorie und zur europäischen Einigung beigetragen habe. Das ist aber mitnichten der Fall. Die variable Geometrie, das Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten, das Kerneuropa, das vorangehen müsse – all das gab es schon längst (Schengen, Währungsunion), bevor die beiden CDU-Politiker es als Ausgangspunkt für Thesen und Prognosen zur zukünftigen Entwicklung Europas nach dem Maastricht-Vertrag machten und ihre Gedanken dazu aufschrieben. Das war wenig originell. Das andere, was in dem Papier stand, all die Prognosen und Thesen zur Integrationszukunft, die den eigentlichen Bestand des Papiers ausmachten, ist alles nicht eingetreten: dass die Währungsunion aus fünf Kernstaaten bestehen, dass die Währungsunion einen Kern für eine Politische Union bilden und dass der feste kleine Kern für eine immer engere Abstimmung in der Wirtschaftspolitik sorgen würde. Und was schon überhaupt nicht eingetreten ist, war die Prognose, dass „die Kommission Züge einer europäischen Regierung“ annehmen würde. Die Kommission wurde zu einem der größten Kontrahenten des vormaligen Finanzministers, wo es nur ging, hat er sie abgekanzelt. – Mit all dem haben sich die beiden Autoren mächtig vertan. Aber sie lassen sich gerne dafür rühmen.