Warum erfindet Martin Susman Geschichten und warum hält Professor Erhard einen solch rabenschwarz schlechten Vortrag?

MenasseBild

 

Verlagsdesignern sollte man empfehlen, die von ihnen illustrierten Werke zu lesen. Im Falle von Robert Menasses Roman wäre dann nicht eine abstrakte Form des Barleymont auf das Cover geraten, sondern – beispielsweise – die Rampe beim Lager von Auschwitz-Birkenau oder das berüchtigte Eingangsportal. Denn nur vordergründig dreht es sich in dem Roman um die Hauptstadt der Europäischen Union, um Brüssel, und ihr Personal. Das eigentliche Thema ist die andere europäische Hauptstadt: Auschwitz. Die Grundlage der europäischen Integration und ihr Ausgangspunkt in Auschwitz sind das eigentliche Thema. So behaupten es jedenfalls Martin Susman und Professor Erhart, zwei der Protagonisten.

 

 

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Brüssel im Jahr 2015.

Fenia Xenopoulou, eine weitere Protagonistin des Romans, ist Leiterin der Direktion C (Kommunikation) in der Generaldirektion für Kultur, dem bedeutungslosesten, was sonst, Ressort in der Kommission. Eines Tages erhält sie, eine ziemlich ruchlose unpolitische Karrieristin aus dem griechischen Zypern, den Auftrag, die Corporate Identity der Kommission aufzupolieren, da die Imagewerte, laut Eurobarometer, tief in den Keller gerutscht sind. Nichts bot sich mehr an, als das anstehende 50-Jahres-Jubiläum der Gründung der Europäischen Kommission zum Anlass für die Imageaufbesserung zu nutzen. Xeno erkennt ihre Chance zur eigenen Imageaufbesserung und beauftragt ihren Sherpa Martin Susman mit der Entwicklung von Ideen.

Martin Susman, österreichischer EU-Beamter mit dem Siegel, den „Concours“ bestanden zu haben, nimmt als Vertreter der Kommission an den Feierlichkeiten zum 70jährigen Jahrestag der Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau teil, dieses Mal ist es ein kleiner Beamter, der den Feierlichkeiten beiwohnt, nicht wie sonst der Kommissionspräsident. Immerhin fördert die EU den wissenschaftlichen Dienst und das Museum des deutschen Vernichtungslagers auf polnischem Gebiet. Im Fieber, das er sich bei der Gedenkveranstaltung holt, kommt ihm die zündende Idee für das Jubilee Project. In der Mail an seine Vorgesetzte Fenia schreibt er:

„Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission“ (S. 182).

Zurück in Brüssel begründet er seine Idee bei einem Treffen mit seiner Vorgesetzten:

„Das ist doch die Idee der Kommission, so steht es in den Gründungsdokumenten, den damaligen Absichtserklärungen und Sideletters! Okay, es klingt ziemlich abstrakt, aber es ist doch auch völlig klar: Die Kommission ist keine internationale, sondern eine supranationale Institution, sie vermittelt also nicht zwischen Nationen, sondern steht über den Nationen und vertritt die gemeinsamen Interessen der Union und ihrer Bürger…“ (S. 183 f.)

Das ist zwar etwas konfus, dennoch: Die Opfer in dem Konzentrationslager seien aus allen Ländern Europas deportiert worden. Für die Überwindung des Nationalgefühls stehe die Kommission. Die Überlebenden könnten dies bezeugen. Die Kommission sei die „Moral der Geschichte“. Noch während Susman dies vorträgt, geht Fenia ihre private Mail durch, verabredet sich mit ihrem Geliebten. Auschwitzgedenken wird Teil des Multitasking. Sind sie wirklich so, die Kommissionsbeamten?

Was Martin Susman angeht, so muss man festhalten, dass er seiner Vorgesetzten tatsächlich eine Fieberidee aufgetischt hat. In den „Gründungsdokumenten, den Absichtserklärungen und Sideletters“ der Kommission steht nichts von Auschwitz. Das ist seine erste „Erfindung“. Da treibt er einen üblen Schabernack mit seiner Chefin, die so blasiert-dumm-unpolitisch ist, dass sie ihm die Idee abkauft. Später wird noch ein zweiter Lapsus hinzukommen.

Die beiden verbleiben damit, das Auschwitz-Jubilee-Projekt zu forcieren und Überlebende einzuladen.

 

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Alois Erhart, emeritierter Wirtschaftsprofessor aus Wien, Verfasser einer „Theorie der nachnationalen Wirtschaft“ und seinerseits Schüler von Professor Armand Moens, dem Verfasser des Werks „Das Ende der Nationalökonomie und das Wirtschaftssystem einer nachnationalen Republik“, referiert in einem Brüsseler Think Tank zur Zukunft der EU („New pact for Europe“) und versteigt sich in seiner Keynote vor den Kollegen zu einer waghalsigen Idee, sie hat, wenn man darüber nachdenkt, gewisse Ähnlichkeiten mit Susmans Fieberidee.

Dem Professor unterläuft aber ein fataler Fehler, so dass seine Idee ins Leere läuft. Der Erzähler hat vergessen darauf hinzuweisen, deshalb muss man sich den Zusammenhang dazu denken. In seinem Brüsseler Hotel ist Erhart, allgemein und literarisch gebildet, eingefallen, dass sie im Gymnasium, lange war es her, Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ gelesen hatten. Ihm leuchtete damals der Gedanke, dass die Satire die mangelhafte Wirklichkeit mit einem Ideal vergleicht, sofort ein. Auch dass in der Satire üppig mit Übertreibungen und Verdrehungen gearbeitet werden musste, war ihm noch in Erinnerung. Genau in dieser Kunstform wollte er jetzt seinen Vortrag aufbauen. Es sollte eine Satire werden, und er hoffte, dass sie als solche erkannt würde. Es sollte anders kommen, und der Professor blamierte sich vor dem Gremium in einem Maße, dass es einer „Hinrichtung“ gleichkam.

Erhart entwickelt seine Gedanken vor einem aufgeblasenen Kollegium, er teilt es auf in die Eitlen, die Idealisten und die Lobbyisten. Er spricht von der „kriminellen Energie des Nationalismus“, davon dass der Stand der Globalisierung von 1913, die so abrupt durch den Krieg unterbrochen wurde, erst 2020 wiedererreicht sein würde (da hatte er sich mächtig getäuscht, die Statistik falsch gedeutet, die Kollegen bemerkten es aber nicht), von der Notwendigkeit neuer demokratischer Institutionen, vom Ende der Nationalökonomie, von der Unsinnigkeit des Zusammenbruchs in Griechenland usw., zusammengefasst:

„Konkurrierende Nationalstaaten sind keine Union… Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion – also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde“ (S. 392).

Dann erreicht er den Höhepunkt seines Vortrags, die EU müsse eine neue Hauptstadt bauen. Seine Zuhörer sind fassungslos:

Und deshalb muss die Union ihre Hauptstadt in Auschwitz bauen. In Auschwitz muss die neue europäische Hauptstadt entstehen, geplant und errichtet als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann. ‚Nie wieder Auschwitz‘ ist das Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde… Haben Sie den Mut, über diese Idee nachzudenken? Das wäre doch ein Ergebnis unserer Reflection Group: eine Empfehlung an den Präsidenten der Kommission, einen Architekturwettbewerb auszuschreiben, für die Planung und Errichtung einer europäischen Hauptstadt in Auschwitz“ (S. 394).

Leider hatte der Professor seine Rechnung ohne die Wirte gemacht. Seine Kollegen von den Wirtschaftsfakultäten waren nämlich Banausen, sie erkannten die Satire nicht und hielten es für bare Münze, was ihnen der österreichische Kollege auftischte. Das ließ Erharts Vortrag zu einer einzigen Peinlichkeit werden und so kam es eben zur „Hinrichtung“.

 

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Und dann kommt wieder Martin Susman ins Spiel. Er verfällt auf den versponnenen Gedanken, bei Eurostat nachzufragen, ob es eine Statistik über noch lebende Holocaust-Opfer gebe, um sie für die Auschwitz-Jubilee-Feier einzuladen. Zu seiner Überraschung erhält er einen negativen Bescheid und schreibt seiner Chefin erneut eine Mail.

Um seiner Idee, die Kommission als Hüterin des „Schwurs, dass sich ein europäischer Zivilisationsbruch wie Auschwitz nie wieder ereignen würde“, zu feiern, fährt er einen geschichtlichen Zeugen auf, und zwar Walter Hallstein, den ersten Präsidenten der Kommission, damals noch der EWG. Und hier denkt sich Susman ein weiteres historisches Artefakt aus, und danach unterläuft ihm, dem Absolventen des Concours, ein Recherchefehler. Jedenfalls will er mit dem name dropping den „tieferen Sinn des europäischen Projekts“ mit dem Bezug auf Auschwitz bestärken.

Walter Hallstein, den gab es im Gegensatz zu Professor Armand Moens wirklich, war ihm als Bild vor Augen, er hatte das Bild wahrscheinlich in irgendwelchen Gängen des Barleymont gesehen, lässt Susman als verehrenswerten Säulenheiligen des europäischen Gedankens – er hatte doch tatsächlich ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der unvollendete Bundesstaat“ – den Antrittsbesuch als Kommissionspräsident 1958 in Auschwitz machen. Das hat Susman erfunden. Bei seiner Recherche zu Hallstein war er wahrscheinlich auf der Internet-Seite des renommierten Deutschen Historischen Museums (DHM) gelandet, auf dessen Plattform LEMO, dem Lebendigen Museum Online, eine perfekt gereinigte Biographie Hallsteins zu lesen ist.

Susman war zu faul oder zu dumm, bei Wikipedia tiefer zu recherchieren. Dort taucht Hallstein nicht wie im DHM nach 1945 wie aus dem historischen Nichts auf, um in der entstehenden Bundesrepublik Karriere zunächst als Rechtsprofessor und später als Außenpolitiker der Union zu machen. Dort wird immerhin erwähnt, dass Hallstein in den dreißiger Jahren Hochschullehrer in Rostock und Frankfurt und Mitglied in mehreren NS-Organisationen (NS-Rechtswahrerbund, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, NS-Luftschutzbund, NS-Dozentenbund) war. In der NSDAP, da glaubt Wikipedia den Selbstbekundungen Hallsteins, sei er nicht gewesen. Das allerdings ist falsch. Die NSDAP-Mitgliedskarte auf den Namen Walter Hallstein trägt die Mitgliedsnummer 3102124.

Des guten Susmans lose Idee, Hallstein seinen Antrittsbesuch 1958 im KZ Auschwitz-Birkenau abstatten zu lassen, gewinnt jetzt richtig an realsatirischer Fahrt: Ein deutscher Politiker, ehemaliger Nazi, hält in seiner Rolle als europäischer Politiker eine Rede gegen Nationalismus, Rassismus und Völkermord an dem Ort, an dem keine zwei Jahrzehnte vorher Menschen aus Städten wie Frankfurt und Rostock, Orte, an denen Hallstein in seiner Rolle als NS-Hochschullehrer gewirkt hatte, deportiert wurden, um der „Endlösung“ zugeführt und vergast und verbrannt zu werden.

 

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Dem Auschwitz-Jubilee-Projekt wird schließlich der Garaus gemacht. Ein italienischer und ein ungarischer EU-Beamter unterhalten sich am Ende:

„‘Nie wieder Auschwitz‘ ist gut und richtig.

Ja.

Das könnt ihr jeden Sonntag in einer Rede sagen.

Ja. Damit man es nicht vergisst. Niemals vergessen, das muss man immer wieder sagen. Genau. Aber das ist kein politisches Programm.

Moral war noch nie ein politisches Programm.“

 

Dezember 2017

 

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