Der Kampf der Wirtschaftskulturen, der keiner war

512SPf3Th6L._SX319_BO1,204,203,200_[1]

Die Verfasser, ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, ein britischer Historiker und ein ehemaliger französischer Notenbanker, legen ein Werk vor, in dem – nicht ganz systematisch – die Ereignisgeschichte der Eurokrise detailliert beschrieben und die in diesem Zusammenhang entstandenen wirtschaftspolitischen Instrumente und Strategien umfassend erläutert werden. Die Eurokrise ist also mindestens ebenso Bestandteil des Werkes wie deren Entwicklung vor dem ideengeschichtlichen Hintergrund des Kampfes zwischen der deutschen und der französischen Wirtschaftsphilosophie. Insbesondere die Kapitel über die Krisendynamik (S. 111 ff.), die Frage der Einschätzung von Insolvenz und Liquidität bei Staatsfinanzkrisen (S. 150 ff.) und die Politik der EZB (S. 381 ff.), dem „produktivsten Forum“ (S. 457) in der Krise, geraten ausgesprochen überzeugend.

Über der gesamten Darstellung schwebt, fast auf jeder Seite greifbar, eine Idee.

 

1.

Die Hauptthese der Autoren lautet, dass der „battle“ (so die Formulierung aus dem englischen Original) zwischen den wirtschaftspolitischen Philosophien von Deutschland und Frankreich die Bekämpfung der Eurokrise geformt, erschwert und letztlich Europa gespalten habe. Die wirtschaftspolitischen Kulturen entlang des „Rheingrabens“ der beiden europäischen Führungsmächte kennzeichnen sie dabei mit vier polaren Begriffen (S. 456 f.):

  1. Dem Gegensatz zwischen deutscher Regelpolitik und diskretionärer, keynesianischer Politik Frankreichs.
  2. Dem Gegensatz zwischen deutschem Insistieren auf dem Haftungsgrundsatz und dem französischen – auf die große Revolution zurückgehenden – Solidaritätsgedanken.
  3. Der gegensätzlichen Einschätzung von Finanzkrisen zwischen Solvenz und Liquidität.
  4. Dem Gegensatz zwischen den makroökonomischen Politikmodellen von Austeritäts- und Konjunkturpolitik.

In Weiterverfolgung dieser Hauptthese arbeiten die Autoren heraus, dass wirtschaftspolitische Kulturen „nicht in Stein gemeißelt“ (S. 452) seien, sondern sich im historischen Prozess verändern. So verdeutlichen sie plausibel, dass in Frankreich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wirtschaftsliberale Positionen vorgeherrscht haben – freilich unter Ausklammerung der merkantilistischen Anfänge im 17. Jahrhundert –, während auf der anderen Seite des Rheins eher etatistische Positionen verbreitet waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich diese Polarität geradezu um 180 Grad gewendet: In Deutschland habe sich der Ordoliberalismus breitgemacht, während in Frankreich der Staatsinterventionismus („planification“) dominant wurde. Genau darin liegt die Hoffnung der Autoren: der historisch bedingten Veränderbarkeit von Wirtschaftskulturen. Dem widmen sie die Schlussausführungen (451 ff.).

 

2.

Soziale Prozesse aller Art haben in der Eurokrise stattgefunden, Suchprozesse, kollektive Ratlosigkeit, Verhandlungsmarathons, aber ein „Kampf“ oder – martialischer – eine „Schlacht“? Diese These darf man füglich in Frage stellen. Möglicherweise hat das aus der Außenperspektive jenseits des Atlantiks so ausgesehen. Auf dem alten Kontinent hat sich ein anderes Bild gezeigt.

Zu beobachten war ein beachtenswerter Durchmarsch der Deutschen, der an diesem und jenem Punkt durch französische Ergänzungen garniert wurde. In den ersten Wochen der Großen Finanzkrise, im Herbst 2008, gab es sowohl von der EU-Kommission wie auch seitens des französischen Präsidenten Versuche, eine europäische Kooperation bei der Krisenbekämpfung zu organisieren, die deutsche Politik war aber von Anbeginn an auf einen nationalen Alleingang gepolt und speiste die Partner mit arrogant-dummen Sprüchen ab („Ein jeder kehr vor seiner Tür …“). Unter Missachtung jeder Regelbindung, Missachtung der gerade verabschiedeten Schuldenbremse und Missachtung des Haftungsprinzips ließen die Deutschen das ordoliberale Gedöns zur Seite und betrieben mit Verstaatlichung, Konjunkturstützung, Markteingriffen usw. pragmatische, man könnte sagen keynesianisch-sozialistische Antikrisenpolitik. Die Akteure hatten schließlich in den sehr abgründigen Abgrund geschaut, ihnen wurde schwindelig und man handelte.

In der Eurokrise zwei Jahre später kehrte dann der Mut zurück und man verfolgte, koste es, was es wolle, die harte Politik des Haftungsgrundsatzes, und zwar in Europa. Diese Politik lief darauf hinaus, dem No-bail-out-Artikel des Maastrichter Vertrages auf den Kapitalmärkten endlich Geltung zu verschaffen. Das einzige, was Frankreich beitragen konnte, war – wie immer – die Institutionalisierung, also den ESM mit seinen Vorläufern, und die Verhinderung des Grexits.

Erklärungsbedürftig ist also, dass Frankreich in der Eurokrise fast kampflos eine Position nach der anderen geräumt hat und sich hinter dem schnell als Hegemon wahrgenommenen Deutschland weggeduckt hat. Kein Kampf, keine Schlacht, keine Machtverschiebung. Die Konstellation erinnert eher an frühere Muster, an die Muster der freiwilligen Unterwerfung, was in der Anfangsphase (1981/83) und in der Endphase des EWS (1993) und bei den Maastrichter Verhandlungen schon zu beobachten war.

 

3.

Bei der Typisierung der beiden wirtschaftspolitischen Grundideen neigen die Autoren dazu, den deutsch-französischen Gegensatz – trotz aller Relativierungen – durch das Raster des internationalen Gegensatzes von Liberalismus und Keynesianismus zu sehen (S. 451). Das ist bezogen auf Frankreich nicht von größerem Schaden, wenngleich sich in Hinblick auf die nationale Wirtschaftspolitik schon die Frage stellt, was nach dem Abbruch des sozialistischen Experiments im Jahr 1983 noch an keynesianischer Politik geblieben ist. Bezogen auf die europäische Politik war der einzige Erfolg, dass überhaupt eine Währungsunion eingeführt wurde, bei deren institutioneller Gestaltung in Maastricht musste das Land aber fast eine Totalniederlage einstecken.

Mit Blick auf die deutsche wirtschaftspolitische Grundidee ist die Einordnung schon sehr viel problematischer. Im internationalen Vergleich nimmt der deutsche Ordoliberalismus mehr als eine Außenseiterposition ein, es ließe sich von einer singulären Position sprechen, die in das durch den Liberalismus geprägte Schema nicht passt. Zu beachten ist auch, dass die deutsche Stabilitätskultur nicht zuletzt in der Eurokrise durch einen Griff in die Euckensche Mottenkiste erweitert und radikalisiert wurde. Das aus der betriebswirtschaftlichen Versicherungsökonomie bekannte Haftungsprinzip machte im vergangenen Krisenjahrzehnt eine steile Karriere. Die Autoren sprechen an einer Stelle davon, dass Politiker spontan dazu neigen, einen Staat wirtschaftlich wie ein Unternehmen zu führen. Genau das ist mit der Inauguration des Haftungsprinzips zum europäischen Königsprinzips passiert. Nur, dass jetzt nicht mehr nur ein Staat, sondern ein ganzer Kontinent so geführt werden soll.

Die Singularität des deutschen Ansatzes ist deshalb von größtem Belang, weil sich darin übergreifende Tendenzen der deutschen Politik (Autoritarismus, Sonderweg, Parlamentskritik) wiederfinden. Im Ordoliberalismus offenbart sich ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik, geradezu eine Politikfeindlichkeit, die die politischen Akteure unter den Generalverdacht aller möglichen niedrigen Triebe stellt, und es offenbart sich darin ein nicht minder tief verankertes Misstrauen gegenüber dem Parlament und dem Parlamentarismus. Den weitaus älteren Demokratien im Rest der Welt mutet der Ordoliberalismus daher durchaus typisch deutsch und verdächtig an. Die Autoren sprechen davon, dass er einen „schlechten Ruf“ habe und zitieren die Financial Times, die ihm attestiert, in einer „Parallelwelt“ zu leben (S. 87).

Bezogen auf die von den Autoren erhoffte Kompromissfähigkeit Deutschlands auf dem Gebiet des wirtschaftspolitischen Streits muss vor dem Hintergrund der Singularität beachtet werden, dass die deutschen Akteure damit schon lange gut leben konnten und sich ein dickes Fell zugelegt haben, das sie nahezu immun gegen äußere Anregungen und Debatten macht. Für das Beseeltsein von einer fixen Idee spricht als Indiz auch, dass mitten in der größten Wirtschaftskrise der Neuzeit die zwei großen Parteien in Deutschland eine Schuldenbremse ins Grundgesetz hineingeschrieben haben.

 

4.

Ganz offensichtlich sind die Verfasser keine intimen Kenner der europäischen Integrationsgeschichte. Zwar war Barroso kein „charismatischer Europäer“, der die Krise im Sinne Monets nutzte, um die Integration voranzubringen, von einer „Lethargie der europäischen Institutionen“ (S. 32) und von einer „Machtverschiebung in die europäischen Hauptstädte“ (S. 35) zu sprechen, verkennt den europäischen Integrationsprozess und die ihn treibenden Kräfte aber auf der ganzen Linie. Abgesehen davon, dass die Kommission sich in der Finanzkrise durchaus bemühte, in eine koordinierende Position zu kommen, liegt ihr „Abstieg“ schon sehr viel weiter zurück. Genau genommen muss er für die Zeit der Maastrichter Verhandlungen angesetzt werden, weil damals endgültig entschieden wurde, dass sich europäische Integration nicht unter supranationalen Auspizien vollziehen würde. Seither spätestens funktioniert der Motor der Integration in der intergouvernementalen Ausführung der beiden Räte (plus seit einiger Zeit ihres Präsidenten).

Und es sind dann diese Räte, die die grundlegende Marschrichtung in der Eurokrise vorgeben (der große Rat) und die Kleinarbeit bei der Krisenverarbeitung (der kleine Rat) organisieren und der Kommission nur die geduldete Rolle der Assistenz und des Aufsehers, z.B. in der Troika, überlassen. Selbst die neu entstandenen Krisenbekämpfungsinstrumente (der ESM) sind intergouvernemental strukturiert. Im Grundsatz hat sich das auch unter dem erheblich dynamischeren und wirkungsmächtigeren Präsidenten Juncker nicht verändert. Was sich unter ihm (gewaltig) verändert hat, ist die Zahl der zirkulierenden Papiere zur Weiterentwicklung der Integration. Für so bedauerlich man das auch halten mag, mehr als Schmunzeln rufen diese Papiere bei den nationalen Akteuren in Berlin und Paris nicht hervor. Von einer „Machtverschiebung“ vom Supranationalen ins Intergouvernementale (S. 32 ff.), so die Autoren, kann daher keine Rede sein.

 

5.

Fraglos zu den Stärken des Buches gehören, wie schon angedeutet, die Ausführungen zum Thema „Solvenz versus Liquidität“ (S. 150 ff.). Sehr nachvollziehbar wird geschildert, dass eine staatliche Finanzkrise am Anfang nicht eindeutig als Solvenz- oder Liquiditätskrise identifiziert werden kann.

„In der Praxis ist es schwer, zwischen Solvenz und Liquidität zu unterscheiden“ (S. 170).

Die Kalamitäten, die dabei entstehen, liegen auf der Hand: Wird auf die Liquiditätsdiagnose gesetzt, sind die Schulden aber nicht mehr tragfähig, wird der Konkurs verschleppt und am Ende müssen ggf. die Steuerzahler einspringen und die Entwertung der Papiere kommt doch noch. Der positive Fall: die Liquiditätskrise wird durch Notkredite überbrückt und der Staat kann zur regulären Finanzierung zurückkehren. Der umgekehrte Fall, also die (In)Solvenzdiagnose ist erheblich folgenschwerer, da vorübergehende Probleme falsch eingeschätzt werden und in Folge der Restrukturierung eine noch massivere Staatskrise resultiert.

Wird die Solvenzdiagnose gestellt, so die Autoren in zurückhaltend kritischem Vortrag, müssten Brandmauern parat sein, um eine Ansteckung zu verhindern. Das war in Europa eindeutig nicht der Fall, so dass sich die Krise 2012 enorm zuspitzte. Bezogen auf Griechenland selbst war die Solvenzdiagnose nicht einmal konsequent, da faktisch keine Entschuldung erreicht wurde. Ob den Entscheidern im Kanzleramt 2010 die Tragweite ihrer Strategie bewusst war, kann bezweifelt werden.

Grundsätzlich verhält es sich so, dass die Franzosen eher dazu neigen, bei den genannten Konstellationen den Verdacht auf Liquiditätsengpässe zu hegen, während die Deutschen erheblich früher den Verdacht auf Solvenzprobleme äußern. Im Falle Griechenlands 2010 haben die Deutschen sehr früh und sehr schnell auf die (In)Solvenzlösung getippt und damit das Land in die lange Epoche des wirtschaftlichen Niedergangs geschickt. Gegen Frankreich und gegen die EZB wurde bei dem berühmten Spaziergang am Strand von Deauville die Restrukturierung der griechischen Schuldenlast beschlossen – und dann lange Zeit hinausgezögert.

Die Autoren enthalten sich einer klaren Stellungnahme, ob es sich im griechischen Fall um eine Solvenz- oder eine Liquiditätsfrage gehandelt hat, zu sehr sind sie von dem Gedanken beseelt, „neutral“ zu wirken, weil sie denken, dadurch besser in die Position des Maklers und Kompromissvermittlers zu gelangen. Dabei implizieren ihre Ausführungen eine klare Position: Im Falle Griechenlands wäre eine andere als die gewählte Lösung sinnvoller gewesen. Positiv jedenfalls bleibt, dass sie den Kinderglauben von einer „objektiven“ Maßzahl für die Tragfähigkeit von Staatsschulden nicht wiederholen.

 

6.

Sorgfältig eingefaltet und versteckt in den ideengeschichtlichen Darstellungen und Erörterungen präsentieren die Verfasser ihre Krisenanalyse. Genauer gesagt: sie entwickeln eine vorzügliche Analyse des Krisenverlaufs, der Entstehung, der Eskalation und der Lösung, aber sie blenden die Ursache der Krise weitgehend aus bzw. äußern sich dazu bestenfalls indirekt.

Beginnen wir mit dem Krisenverlauf. Das Thema der Krise lautete aus deutscher Sicht: Wie lässt sich der leichtfertige Hang der europäischen Partner zur staatlichen Kreditaufnahme (moral hazard) bekämpfen? Bezogen auf das Reglement der Währungsunion bedeutet dies übersetzt, wie dem No-bail-out-Artikel aus dem Maastrichter Vertrag wirksam Geltung verschafft werden könnte. Als die schier unglaublichen Dummheiten der griechischen Regierung 2009/2010 nach und nach ans Licht kamen, regten sich die Ausschläge auf den Anleihemärkten für griechische Papiere immer auffälliger. Als dann Wucherzinsen verlangt wurden und eine Kreditaufnahme am Markt absurd wurde, musste zunächst im Mai 2010 eine Notlösung zur Überbrückung der Liquiditätsprobleme her. Dann wurde aber im weiteren Verlauf des Jahres umgeschaltet auf die Insolvenzlösung und die Kanzlerin drängte dem französischen Präsidenten in Deauville die Restrukturierung der griechischen Staatsschulden auf. Der Franzose war entweder ahnungslos bezogen auf die Folgen – wie wahrscheinlich das Kanzleramt auch –, jedenfalls verbreitete sich in den Folgemonaten die Ansteckung auf andere Länder. All dies wird sehr schön von den Autoren herausgearbeitet.

Zielsicher wurde die (absichtsvolle?) Verunsicherung der Kapitalmärkte weiter von der deutschen Seite betrieben, als man 2013 an einem weiteren Kleinstaat, Zypern, das Exempel das Bail-in von Bankengläubigern exerzierte. Mittlerweile war die Initiative in der Betreuung der Krise vollständig auf das deutsche Finanzministerium übergegangen. Es fehlte für die mit aller Gewalt betriebene Durchsetzung des No-bail-out-Artikels nur noch ein Versatzstück bis zur Erfolgsmeldung. Das wurde dann im Sommer 2015 aus dem Finanzministerium heraus lanciert: das Herauskomplementieren Griechenlands aus der Währungsunion. Damit war den Kapitalmärkten hinlänglich verdeutlicht, dass es sich bei der Währungsunion nicht um eine Versicherungsgemeinschaft, sondern um einen Mitgliederclub handelte, für dessen Mitgliedschaft auch unterschiedliche Prämien zu zahlen waren. All das kann bei den Autoren gut nachgelesen werden.

Leider fehlt das erste Kapitel dieser Krisengeschichte, die Ursache. Warum die Autoren das Puzzle nicht zu einem Gesamtbild zusammengesteckt haben, bleibt unklar. Hier eine kurze ergänzende Skizze:

Die Krise, die Anfang des Jahres 2010 in der europäischen Währungsunion ausbrach, war eine „Überbaukrise“, eine Vertrauens- oder Kommunikationskrise, eine ordnungspolitische Krise, die mit realen ökonomischen Konstellationen oder Faktoren nur sehr vermittelt etwas zu tun hatte. Nehmen wir den Aspekt der Kommunikation zwischen Politik und Finanzmärkten. Zwischen dem letzten Jahresdrittel 2009 und dem ersten Jahresdrittel 2010 bestand eine Schwebesituation, in der sich elementare wirtschaftspolitische Determinanten veränderten:

  1. Aus der Bundestagswahl im September 2009 ging eine schwarzgelbe Parlaments- und Regierungsmehrheit hervor. Beide Parteien legten sich in ihren Wahlprogrammen uneindeutig auf das Prinzip der Schuldenbremse fest, das gerade erst von der abgelösten Großen Koalition ins Grundgesetz geschrieben wurde. Zwar gab es keinerlei Hinweis in den Parteiprogrammen darauf, dass man mit einer europäischen Krise rechnen würde, dennoch war die Festlegung eine Ansage.
  2. Im Oktober 2009 kamen die Schummeleien in der griechischen Statistik ans Tageslicht. Auf den Kapitalmärkten wurde dies zunächst in einer Mischung aus Angst und Chancenwitterung tatsächlicher Liquiditäts- und/oder Solvenzprobleme für Griechenland gedeutet. Die Renditen für griechische Papiere begannen sich von dem einstmals ehernen einheitlichen Band der alten Währungsunion auf gleichem Niveau zu lösen. Monate vorher hatte der Finanzminister Steinbrück durch entsprechende Interventionen noch für Ruhe an den Kapitalmärkten gesorgt.
  3. In dieser ersten Jahreshälfte 2010 gab es ganz offensichtlich Abstimmungs- und Verständigungsprobleme zwischen Kanzleramt und Finanzministerium, hinzu kam noch die Landtagswahl in NRW. All dies wird nicht der Grund gewesen sein, warum kein deutscher Akteur in dieser Zeit nach vorne getreten ist und mit einem klaren Signal die Kapitalmärkte in Hinblick auf die Funktionsweise der Währungsunion beruhigt hat. Die früheren und späteren „Macht- oder Beruhigungsworte“ (Garantie der gesamten deutschen Sparguthaben im Oktober 2008 durch Merkel und Steinbrück und die Whatever-it-takes-Rede Draghis vom Juli 2012) sind beredte Beispiele für wirksame Kommunikation zwischen Politik und Kapitalmärkten.

Das Signal kam nicht aus der Politik, so dass die Krise ihren Verlauf nehmen konnte.

 

7.

Die eingangs angesprochene Idee, die dem Buch unterliegt, ist, dass durch eine „neutrale“ Darstellung der beiden Wirtschaftsphilosophien Aussöhnung möglich wird – eine Beilegung der „Erbfeindschaft“ auch auf diesem Gebiet. Der Veränderungsbereitschaft der Wirtschaftskulturen und der Versöhnbarkeit vertrauen die Autoren am Ende (vgl. das Schlusskapitel, S. 451 ff.) dann aber doch nicht so ganz. Und das zu Recht.

Zunächst loten sie die Möglichkeiten der Verständigung aus. Direkt an die Entscheider in Europa gewandt schließt man sich der „Vollendung der Europäischen Union“ an und unterbreitet einen Vorschlag:

„Was kann man tun, um das Projekt zu vollenden? Unsere Antwort lautet: Wir brauchen eine Union der ökonomischen Ideen“ (S. 452).

Die „Debatten-Union“ (S. 252 f.), auf die man hofft, soll die „optimale Synthese zwischen der französischen und der deutschen Position (..), zwischen Regeln und Ermessensfreiheit“ (S. 463) bringen. Appelliert wird erstens an die Bereitschaft zu Kooperation in der Krise, so wie die deutsche Politik Draghis im Sommer 2012 begonnenen Lösungsweg mitgetragen habe, obwohl das Zentrum regelbasierter Notenbankpolitik, die Unabhängigkeit der Zentralbank, damit in Frage gestellt worden war. Zweitens erinnern die Autoren an den Tatbestand, dass Regeln für die Zeit des normalen Spiels gedacht sind, fegt der Taifun über das Spielfeld, muss das Spiel abgebrochen werden. Es versteht sich, dass dann auch die Regeln obsolet sind. An solche Weisheiten müssen die Deutschen erinnert werden! In den Worten der Autoren: „Bei extrem negativen Ereignissen ist eine Überbetonung individueller Haftpflicht kontraproduktiv“ (S. 463, 148).

Als spürten sie die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Perspektive, entwickeln die Autoren noch einen anderen Gedanken zur Krisenlösung, ein Gedanke, der sich aufdrängt, weil neben die Eurokrise mittlerweile zahlreiche andere europäische Krisen getreten sind. All das müsse als „riesiges Bündel“ (S. 462) betrachtet und als solches Bündel auch gelöst werden:

„So können Länder davon ausgehen, dass sie vielleicht bei der Lösung eines der Probleme schlecht wegkommen, dafür aber bei einem anderen gewinnen. Deutschland müsste den südeuropäischen Ländern vielleicht in Bezug auf Schuldenerleichterungen entgegenkommen, würde dann aber auch schnell von einer gesamteuropäischen Lösung der Flüchtlingskrise profitieren. Die Anwesenheit von Migranten – einige aus EU-Staaten, andere von außerhalb der EU – wirft die Frage nach Ansprüchen auf Sozialleistungen auf. Die militärische Integration könnte die Effektivität der Verteidigungsanstrengungen erhöhen und gleichzeitig die Kosten senken, insbesondere in Ländern mit einem hohen Verteidigungsetat. Europa würde zu einer Region, in der ein Ausgleich der Interessen stattfindet und Kompromisse ausgehandelt werden, statt zu einem Ort, wo kostbare Souveränitätskonzepte zerstört werden“ (ebd.).

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Darin liegt gerade der Vorteil friedlicher Integration, dass Einseitigkeiten und Machtdemonstrationen (der deutsche „Halbhegemon“) in der mittleren Frist leerlaufen und sich rächen. Das Vorpreschen der Deutschen bei der Umwandlung der Währungsunion in eine Ordnung germanischer Fasson hat sein Ende nicht nur deshalb gefunden, weil ordnungspolitisch nur noch Reste zu besorgen sind. Die Jahre 2015 und 2016 haben mit der Flüchtlingsproblematik und den neuen geopolitischen Konstellationen die gesamte europäische Kartographie durcheinandergewirbelt, so dass aus dem Krisenbündel Kompromisse geschmiedet werden müssen.

Schon alleine die Tatsache, dass die Autoren in ihren Schlussbetrachtungen den Blick nach links und rechts weiten, hebt ihren Diskussionsbeitrag positiv von den sonst hierzulande üblichen ökonomistischen Monokulturen positiv ab.

Markus K. Brunnermeier, Harold James, Jean-Pierre Landau, s, München 2018.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s